Freitag, 31. Januar 2014
Aachener Nachrichten – Stadt / Blickpunkt / Seite 2

 

An den Grenzen des Kapitalismus

 

Die Journalistin und Wirtschaftshistorikerin Ulrike Herrmann räumt in ihrem aktuellen Buch mit dem Wirtschaftssystem auf, in dem wir leben. Sie kritisiert, dass niemand die Frage stellt, was danach kommt.

 

von Christian Rein

 

Aachen. Sie habe ein Erklärbuch geschrieben, sagt Ulrike Herrmann, und kein Buch, das den Kapitalismus abschaffen will. „Mein Anliegen ist es, dass die Probleme richtig erkannt werden.“ Was die Journalistin und Wirtschaftshistorikerin allerdings in ihrem Buch erklärt, hat es in sich: Denn Herrmann rückt unser Verständnis des Wirtschaftssystems zurecht, in dem wir leben. „Wohlstand für alle“ hat Ludwig Erhard 1957 in seinem berühmten Buch versprochen. Und die Basis für Wohlstand sei Demokratie. Herrmann sagt hingegen: „Nichts ist so gefährlich wie eine Wirtschaftskrise. Nicht unbedingt für den Kapitalismus, sondern für die Demokratie. Die geht unterwegs kaputt.“


„Das System der Sozialen Marktwirtschaft prägt die Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung der Bundesrepublik Deutschland.“ Dieser Satz des ehemaligen Verfassungsgerichtspräsidenten Hans-Jürgen Papier bringt das seit dem Zweiten Weltkrieg gültige Grundverständnis unserer Gesellschaft zum Ausdruck. Sie sagen hingegen, dass der Begriff „Marktwirtschaft“ die heutige Wirtschaftsform nicht korrekt benennt. Das müssen Sie genauer erklären.

 

Herrmann: Wir leben nicht in einer Marktwirtschaft, sondern im Kapitalismus, und das ist nicht das gleiche.

 

Was ist der Unterschied?

 

Herrmann: In einer Marktwirtschaft geht es darum, dass sich viele Anbieter und viele Nachfrager auf einem Marktplatz treffen und dass durch den Wettbewerb der Anbieter ein fairer Preis entsteht. Die Konkurrenz ist der zen­trale Gedanke. Diesen Wettbewerb gibt es aber in unserer realen Wirtschaft nicht. Das verdeutlicht bereits eine Zahl des Statistischen Bundesamtes: Ein Prozent der Firmen in Deutschland kontrollieren 65 Prozent des Umsatzes. Das heißt, wir haben Großkonzerne, die die gesamte Wertschöpfungskette von den Rohstoffen bis zum Absatz in ihrer Hand haben.

 

Geht es den Konzernen um Macht?

 

Herrmann: Nein, es geht um Sicherheit: Die Investitionen etwa für ein neues Auto oder ein neues Medikament betragen Milliarden Euro. Diese Kosten riskieren Unternehmen aber nur, wenn sie vorher schon wissen, dass hinterher der Gewinn stimmt. Das erzwingt diese Art von Planwirtschaft.

 

Der Kapitalismus ist eine Planwirtschaft?

 

Herrmann: In diesem Sinne ist der Kapitalismus eine private Planwirtschaft.

 

Auf dem Marktplatz geht es um Wettbewerb. Worum geht es im Kapitalismus?

 

Herrmann: Es geht um Wachstum. Bis ins 18. Jahrhundert hinein hat die Wirtschaft komplett stagniert. Die Menschen im 18. Jahrhundert waren nicht reicher als die antiken Römer, viele hatten gerade genug, um zu überleben. Das hat sich erst verändert, als der Kapitalismus in der Zeit um das Jahr 1760 in England entstanden ist. Erst seitdem gibt es Wachstum pro Kopf.

 

Wie funktioniert Wachstum ohne Wettbewerb?

 

Herrmann: Der Schlüssel sind hohe Löhne: Ende des 18. Jahrhunderts waren die Löhne in England weltweit am höchsten. Damit war die Textilindustrie, die damals die zentrale Export-Industrie des Landes war, nicht mehr konkurrenzfähig. In dem Moment, wo die Menschen teuer wurden, hat es sich gelohnt, Maschinen einzusetzen, um die Arbeiter zu ersetzen. Damit hat die Industrialisierung begonnen – und eben auch das Wachstum.

 

Wachstum hat Grenzen, wie etwa der Club of Rome bereits vor Jahrzehnten festgestellt hat.

 

Herrmann: Es ist völlig klar, dass man in einer endlichen Welt nicht unendlich wachsen kann. Es gibt zwei Grenzen für den Kapitalismus: zum einen die Endlichkeit von Rohstoffen wie etwa fossile Brennstoffe oder auch seltene Erden. Zum anderen die Belastbarkeit der Umwelt. Wenn wir zum Beispiel das Klima nicht schützen, werden wir unseren Lebensraum, die Erde, zerstören. An diesen beiden Grenzen – Rohstoffe und Umwelt – wird der Kapitalismus zugrunde gehen.

 

Wie nahe sind wir an diesen Grenzen?

 

Herrmann: Das Ende des Kapitalismus ist schon in Sicht. Man kann sich keinen Kapitalismus vorstellen, der stagniert. Dann bricht das System einfach chaotisch in sich zusammen.

 

Das klingt so, als führen wir ungebremst gegen die Wand?

 

Herrmann: Wir wissen einfach nicht, was danach kommt. Es ist ein bisschen so wie bei der Entstehung des Kapitalismus: Damals haben die Menschen auch nicht verstanden, was da vor ihren Augen passiert.

 

Das heißt, es gibt bereits Veränderung, aber wir bemerken sie nicht?

 

Herrmann: Es dämmert vielen Menschen, dass es nicht so weitergehen kann. Sie versuchen, Energie und Rohstoffe zu sparen, ökologisch zu leben. Das ist natürlich auch richtig. Aber es ändert das System nicht, in dem wir leben. Der Kapitalismus benötigt Wachstum und erzwingt es auch. Das sieht man am „Bumerang-Effekt“: Pro Wareneinheit ist der Energieverbrauch seit 1970 stark gesunken – aber dafür werden jetzt doppelt so viele Waren hergestellt.

 

Kann nicht einfach unbemerkt ein neues System entstehen?

 

Herrmann: Wie gesagt: Wir wissen es nicht. Es gibt zwar viel berechtigte Wachstumskritik, aber bislang keine Forschung darüber, wie man aus dem Kapitalismus aussteigen kann, um beispielsweise zu einer ökologischen Kreislaufwirtschaft zu kommen.

 


 

Ulrike Herrmann: „Der Sieg des Kapitals – Wie der Reichtum in die Welt kam: Die Geschichte von Wachstum, Geld und Krisen“, Westend Verlag, Frankfurt am Main, 288 Seiten, 19,99 Euro, ISBN: 978-3-864890444.

 


 

Ulrike Herrmann, geboren 1964 in Hamburg, hat nach einer abgeschlossenen Lehre zur Bankkauffrau die Henri-Nannen-Schule für Journalismus absolviert. Danach hat sie Wirtschaftsgeschichte und Philosophie an der FU Berlin studiert.

Anschließend war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin der Körber-Stiftung und später Sprecherin der Hamburger Gleichstellungssenatorin Krista Sager. Seit 2000 ist Ulrike Herrmann Wirtschaftskorrespondentin bei der Berliner „tageszeitung“. (taz) Dort war sie auch Parlamentskorrespondentin und leitete die Meinungsredaktion. „Der Sieg des Kapitals“ ist ihr drittes Buch.

 

Ulrike Herrmann wird am nächsten Dienstag, 4. Februar, im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Einwände!“ von Attac Aachen auf der Grundlage ihres aktuellen Buches „Der Sieg des Kapitals“ über das Thema Kapitalismus sprechen. Anschließend gibt es die Möglichkeit zur Diskussion. Die Veranstaltung findet ab 18 Uhr im Haus der Evangelischen Kirche, Frère-Roger-Straße 8-10 in Aachen, statt.